Statin Effekte

Einleitung

Die Atherosklerose ist eine chronische und nicht-übertragbare Krankheit und die Hauptursache für Tod, kardiovaskuläre Ereignisse, Altersdemenz (nach Hirnschlag). Die Atherosklerose wird hauptsächlich durch Cholesterin (LDL) verursacht und beginnt im 20. Lebensjahr. Je nach Ausprägung und Kombination individuell vorhandener Risikofaktoren treten Herzinfarkt oder Hirnschlag schon mit 35 Jahren (familiäre Hypercholesterinämie, Rauchen) oder gar nie auf (alle Risikofaktoren waren dann ein Leben lang unter Kontrolle, also Blutdruck 110 mm Hg, LDL Cholesterin spontan < 2.0 mmol/l, kein Diabetes, gesunde Ernährung, kein Übergewicht, ausreichend Bewegung, kein Tabakgebrauch).

Das Risiko für Herzinfarkte und Hirnschläge stratifiziert nach Altersgruppen zeigt, dass das LDL Cholesterin ein unabhängiger Risikofaktor bleibt, wie eine grosse populations-basierte Studie von Mortensen zeigte.

Auch ab 70 Jahren bleibt das LDL Cholesterin ein unabhängiger Risikofaktor. Behauptungen, wonach das Cholesterin ab 70 weniger relevant sei als unter 70 sind irreführend.

Die Statin Effekte wurden in zahlreichen Studien bei gesunden Personen oder nach Infarkt getestet und stellen zweifelsfrei und international die wirksamste Therapie zur Verhinderung von kardiovaskulären Erkrankungen dar (Population attributable risk, Interheart Studie).

Allerdings wurden die meisten Statin-Studien bei Personen unter 65 Jahren durchgeführt. Obwohl gerade auch ab 65 Jahren die unbehandelte Atherosklerose weiter fortschreitet und zunehmend häufig kardiovaskuläre Ereignisse daraus entstehen, meint die schweizerische Smarter Medicine Bewegung (als einzige weltweit notabene), dass die Wirksamkeit der Statine mit dem Alter abnimmt, die Schutzwirkung nicht ausreichend bewiesen sei und die Nebenwirkungen ab 65 rasch zunehmen würden. Dies ist eine gefährliche Desinformation. Deprescribing von Statinen oder Therapieverweigerung von Statinen ab 65, 70, oder 75 Jahren ist wissenschaftlich erwiesenermassen mit einem Ansteigen kardiovaskulärer Ereignisse verbunden. Dies wird in der folgenden Review wissenschaftlich aufgearbeitet.

Statin Effekte (Wirkung ab 65)

Die Metaanalyse von Gencer zeigt den Effekt (die Wirkung) von Statinen und anderen Lipidsenkern bei Personen über 75 Jahren pro 1 mmol/l LDL Senkung. Die relative Risikoreduktion von Statinen pro 1 mmol/l LDL Reduktion beträgt mit „random effect metaanalysis“ 18% und für die LDL Senkung mit nicht Statinen (PCSK-9 Inhibitoren und Ezetimib) 33%, in der Kombination resultierte ein Effekt von 26%. Zu beachten ist hier, dass in der Regel mit Statinen mehr als 1.0 mmol/l LDL Senkung erzielt wird. Gerade mit der Kombination Statin+Ezetimib lassen sich auch ab 65 Jahren LDL Senkungen von 2.0 mmol/l problemlos erzielen. Damit verdoppelt sich die Wirkung von 18% auf 36%. Diese sehr gute Nachricht wird an anderer Stelle weiter diskutiert.

Daten aus sechs Artikeln wurden in die systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse eingeschlossen, die 24 Studien aus der Metaanalyse der Cholesterol Treatment Trialists‘ Collaboration sowie fünf Einzelstudien umfasste. Von 244.090 Patienten aus 29 Studien waren 21.492 (8,8 %) mindestens 75 Jahre alt, davon 11.750 (54,7 %) aus Statin-Studien, 6.209 (28,9 %) aus Ezetimib-Studien und 3.533 (16,4 %) aus Studien mit PCSK9-Inhibitoren. Die mediane Nachbeobachtungszeit lag zwischen 2,2 und 6,0 ​​Jahren. Die Senkung des LDL-Cholesterins reduzierte signifikant das Risiko schwerer vaskulärer Ereignisse (n = 3519) bei älteren Patienten um 26 % pro 1 mmol/l Senkung des LDL-Cholesterins (RR 0,74 [95 % KI 0,61–0,89]; p = 0,0019). ), ohne statistisch signifikanten Unterschied zur Risikoreduktion bei Patienten unter 75 Jahren (0 85 [0 78–0 92]; P Interaktion = 0 37). Bei älteren Patienten waren die RRs statistisch nicht unterschiedlich für die Statin- (0 82 [0 73–0 91]) und Nicht-Statin-Behandlung (0 67 [0 47–0 95]; P Interaktion = 0 64) . Der Effekt einer Senkung des LDL-Cholesterins bei älteren Patienten wurde für jede Komponente der Kombination beobachtet, einschließlich kardiovaskulärer Tod (0 85 [0 74–0 98]), Myokardinfarkt (0 80 [0 71–0 90 ]), Schlaganfall (0 73 [0 61–0 87]) und koronare Revaskularisation (0 80 [0 66–0 96]). Die Autoren dieser Studie kamen zu folgendem Schluss: Bei Patienten ab 75 Jahren war die Lipidsenkung bei der Reduzierung kardiovaskulärer Ereignisse ebenso wirksam wie bei Patienten unter 75 Jahren. Diese Ergebnisse sollten die Leitlinienempfehlungen für den Einsatz von lipidsenkenden Therapien, einschließlich Nicht-Statin-Behandlungen, bei älteren Patienten stärken.

Eine Meta-Analyse von Ridker innerhalb von Altersuntergruppen der Primärpräventionsstudien JUPITER (Justification for Use of Statins in Prevention: An Intervention Trial Evaluating Rosuvastatin) und HOPE-3 (Heart Outcomes Prevention Evaluation), in denen die Auswirkungen von Rosuvastatin auf den kombinierten Endpunkt von nicht tödlichem MI bewertet wurden Infarkt, nicht tödlicher Schlaganfall oder kardiovaskulärer Tod.

Eine weitere Metaanalyse von Savarese zeigt eine signifikante Reduktion von Herz- und Hirnschlag bei 24’674 Personen über 65 Jahren mit 39% weniger Herzinfarkten und 24% weniger Hirnschlägen über eine mittlere Beobachungszeit von 3.5 Jahren.

Zhou hat eine Studie zu gesunden Personen publiziert, welche entweder Statine einnahmen oder nicht. Von den 18.096 eingeschlossenen >70 Jahre alten Teilnehmerinnen (Durchschnittsalter 74,2 Jahre, 56,0 % Frauen) nahmen 5.629 zu Studienbeginn Statine ein. Über einen medianen Nachbeobachtungszeitraum von 4,7 Jahren war die Anwendung von Statinen zu Studienbeginn weder mit einem behinderungsfreien Überleben noch mit dem Risiko für Gesamtmortalität oder Demenz verbunden. Es war jedoch mit einem geringeren Risiko für körperliche Behinderung und alle kardiovaskulären Folgen verbunden. Anhaltende Behinderung im Alltag wurde um 25% reduziert (p=0.02), es traten 32% weniger Herz- und Hirnschläge auf (p<0.001), die kardiovaskuläre Mortalität wurde signifikant um 29% gesenkt, es fanden sich 44% weniger Herzinfarkte und 25% weniger Hirnschläge und Statine erzeugten in einer weiteren Studie von Zhou (https://www.jacc.org/doi/10.1016/j.jacc.2021.04.075)auch kein erhöhtes Risiko für Demenz.

Die Risiken des Statin-Stopps wurden in einer italienischen Studie untersucht. In diese retrospektive, bevölkerungsbezogene Kohortenstudie wurden 29.047 Einwohner der italienischen Region Lombardei im Alter von 65 Jahren oder älter eingeschlossen, die vom 1. Oktober 2013 bis zum 31. Januar 2015 eine ununterbrochene Behandlung mit Statinen, blutdrucksenkenden, antidiabetischen und Thrombozytenaggregationshemmern erhielten Nachverfolgung bis 30. Juni 2018. Die Daten wurden unter Verwendung der Datenbank zur Nutzung des Gesundheitswesens der Region Lombardei in Italien erhoben. Die Datenanalyse wurde von März bis November 2020 durchgeführt. EXPOSITIONEN: Kohortenmitglieder wurden nachbeobachtet, um diejenigen zu identifizieren, die Statine absetzten. In dieser Gruppe waren diejenigen, die während der ersten 6 Monate nach dem Absetzen der Statine andere Therapien beibehielten, im Verhältnis 1:1 mit den Patienten verglichen, die weder Statine noch andere Medikamente abgesetzt hatten. WICHTIGSTE ERGEBNISSE UND MASSNAHMEN: Die Patientenpaare, die Statine absetzten und beibehielten, wurden vom ersten Absetzen bis zum 30. Juni 2018 nachbeobachtet, um die Hazard Ratios (HRs) und 95 %-KIs für tödliche und nicht tödliche Folgen im Zusammenhang mit dem Absetzen von Statinen zu schätzen. ERGEBNISSE: Die vollständige Kohorte umfasste 29.047 Patienten, die Polypharmazie ausgesetzt waren (mittleres Alter [SD] 76,5 [6,5] Jahre; 18.257 [62,9 %] Männer). Von ihnen setzten 5819 (20,0 %) Statine ab, während sie andere Medikamente beibehielten, und 4010 (68,9 %) von ihnen wurden mit einem Vergleichspräparat gematcht. In der Abbruchgruppe betrug das mittlere (SD) Alter 76,5 (6,4) Jahre, 2405 (60,0 %) waren Männer und 506 (12,6 %) hatten Multisource Comorbidity Scores von 4 oder 5. In der Erhaltungsgruppe war das mittlere (SD) Alter betrug 76,1 (6,3) Jahre, 2474 (61,7 %) waren Männer und 482 (12,0 %) hatten Multisource-Komorbiditäts-Scores von 4 oder 5. HR, 1,24; 95 % CI, 1,07–1,43) und alle kardiovaskulären Ergebnisse (HR, 1,14; 95 % CI, 1,03–1,26), Todesfälle jeglicher Ursache (HR, 1,15; 95 % CI, 1,02–1,30) und Notaufnahmen aus irgendeinem Grund (HR, 1,12; 95 % KI, 1,05–1,19). SCHLUSSFOLGERUNGEN UND RELEVANZ: In dieser Studie mit Patienten, die Polypharmazie erhielten, war das Absetzen von Statinen unter Beibehaltung anderer medikamentöser Therapien mit einem Anstieg des langfristigen Risikos für tödliche und nicht tödliche kardiovaskuläre Folgen verbunden und auch die Gesamtsterblichkeit war signifikant erhöht.

Die Eilat Studie untersucht de Auswirkungen des Absetzens von Statinen . Die EILAT-Studie umfasste Primärversorgungspatienten ab 65 Jahren und berichtete 347 Ereignisse bei 1255 Personen, die Statine einnahmen (28 %), und berichtete 4105 Ereignisse bei 7328 Patienten, die keine Statine einnahmen (56 %). Die Analyse umfasste 19.518 ältere Erwachsene, die über einen Zeitraum von 10 Jahren beobachtet wurden (Median = 9,7 Jahre). Die Gesamtmortalitätsraten waren bei denjenigen, die sich an die Statinbehandlung gehalten hatten, um 34 % niedriger als bei denjenigen, die dies nicht getan hatten (Hazard Ratio [HR] = 0,66; 95 % Konfidenzintervall [KI] = 0,56–0,79). Die Einhaltung von Statinen war auch mit weniger atherosklerotischen kardiovaskulären Krankheitsereignissen verbunden (HR = 0,80; 95 % KI = 0,71–0,81). Der Nutzen der Statinanwendung nahm bei über 75-Jährigen nicht ab und war sowohl für Frauen als auch für Männer offensichtlich.

Dr. Philippe Giral beobachtete den Effekt das Statin Stops bei Personen über 75 Jahren. Das Absetzen von Statinen war bei 75-jährigen Primärpräventionspatienten mit einem um 33 % erhöhten Risiko für eine Aufnahme wegen kardiovaskulärer Ereignisse verbunden. Zukünftige Studien, einschließlich randomisierter Studien, sind erforderlich, um diese Ergebnisse zu bestätigen und die Aktualisierung und Klärung von Leitlinien zur Verwendung von Statinen zur Primärprävention bei älteren Menschen zu unterstützen.

Orkaby untersuchte die Statineffekte auf die Sterblichkeit ab 75 Jahren. Ergebnisse: Von 326.981 geeigneten Veteranen (mittleres [SD]-Alter 81,1 [4,1] Jahre; 97 % Männer; 91 % Weiße), 57.178 (17,5 %) neu mit Statinen während des Studienzeitraums begonnen. Während einer mittleren Nachbeobachtungszeit von 6,8 (SD, 3,9) Jahren traten insgesamt 206902 Todesfälle auf, darunter 53296 kardiovaskuläre Todesfälle, mit 78,7 bzw. 98,2 Todesfällen/1000 Personenjahren unter Statinanwendern bzw. Nichtanwendern (gewichtete Inzidenzratendifferenz). [IRD]/1000 Personenjahre, –19,5 [95 % KI, –20,4 bis –18,5]). Es gab 22,6 bzw. 25,7 kardiovaskuläre Todesfälle pro 1000 Personenjahre unter Statinanwendern bzw. Nichtanwendern (gewichtete IRD/1000 Personenjahre, –3,1 [95 KI, –3,6 bis –2,6]). Für den zusammengesetzten ASCVD-Ergebniswert gab es 123379 Ereignisse, mit 66,3 bzw. 70,4 Ereignissen/1000 Personenjahren unter Statinanwendern bzw. Nichtanwendern (gewichtete IRD/1000 Personenjahre, –4,1 [95 % KI, –5,1 bis –3,0] ). Nach Anwendung der Überlappungsgewichtung des Neigungs-Scores betrug die Hazard Ratio 0,75 (95 % KI, 0,74–0,76) für die Gesamtmortalität, 0,80 (95 % KI, 0,78–0,81) für die kardiovaskuläre Mortalität und 0,92 (95 % KI, 0,91). -0,94) für eine Zusammenstellung von ASCVD-Ereignissen beim Vergleich von Statin-Anwendern mit Nicht-Anwendern. Schlussfolgerungen und Relevanz: Bei US-Veteranen ab 75 Jahren, die zu Studienbeginn frei von ASCVD waren, war die neue Statinanwendung signifikant mit einem geringeren Risiko für Gesamtmortalität und kardiovaskuläre Mortalität verbunden. Weitere Forschung, einschließlich randomisierter klinischer Studien, ist erforderlich, um die Rolle der Statintherapie bei älteren Erwachsenen für die Primärprävention von ASCVD definitiver zu bestimmen.

Betreffend Kosteneffektivität hat das Bundesamt für Gesundheit einen Bericht erstellen lassen. Sämtliche Korrespondenz und Ergebnisse sind bei uns nachzuverfolgen. Gemäss der Endfassung des HTA Reports betreffen die Kosten pro QALY negative Resultate, somit ein „return on investment“ bei gesunden Personen bis 75 Jahre. Da bei Personen ab 75 Jahren häufig ein hohes Risiko für kardiovaskuläre (ASCVD) Ereignisse besteht (rund 5% pro Jahr), besteht kein Grund anzunehmen, dass ab 75 Jahren die positiven kostengünstigen Effekte plötzlich entfallen würden.

Zusammenfassung der Statin Effekt ab 65: sämtliche Studien zeigen statistisch signifikante Senkung der Herzinfarkte und Hirnschläge. Auch die kardiovaskuläre und die gesamte Sterblichkeit können günstig beeinflusst werden. Falsifiziert sind die Aussagen der Smarter Medicine Bewegung betreffend angeblich fehlenden Effekten von Statinen auf die Gesundheit älterer Menschen. Die Daten belegen wissenschaftlich eindeutig, dass Statine ab 65 Menschen vor kardiovaskulärem Tod und Ereignissen schützen und dass bei der Gesamtsterblichkeit noch bessere Resultate auftreten würden, wenn die Intensität und Dauer der Lipid Senkung erhöht würde. Entgegen dem Fake Bericht des Swiss Medical Boards zur Kosteneffektivität von Statinen bei Gesunden (Kosten pro QALY von 210’000 Fr), fand das BAG in in einer externen Analyse negative Kosten pro QALY, also „return on investment“, bis im Alter von 75 Jahren

Statin Nebenwirkung (ab 75)

Nun zu den Nebenwirkungen bei Personen mit 75 Jahren oder mehr. In einer grösseren Studie konnte aufgezeigt werden, dass Statin-assoziierte Symptome ab 75 Jahren signifikant weniger häufig auftraten als bei < 75 jährigen.

Schlussfolgerungen: Statine sind für Personen mit erhöhtem Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse, insbesondere ab 65 Jahren wirksam, nebenwirkungsarm und kosteneffektiv.